Was gibt es da sonst zu sagen.
Die Träne quillt zwar nicht, doch die Erde hat uns wieder.
Bisher waren wir von der norwegischen Tierwelt ein wenig allein gelassen worden. Ein paar Fuechse, eine Menge Schafe, Kuehe und ein paar Delphine, die sich erahnen liessen.
In der Fylke Finnmark sollte sich das ændern. Unmengen von Rentieren, die den hier ansæssigen Samen gehøren sæumten Strassen und Wege. Heute morgen erwachten wir um vier Uhr, weil sich eine Herde grasschmatzend und Glockenlæutend um unser Zelt versammelt hatte. Kurzerhand entschlossen wir uns, unseren persønlichen Aufstehrekord um mehrere Stunden zu ueberbieten, nahmen um fuenf Uhr morgens unser Fruehstueck zu uns und machten uns auf die 75 Kilometer in Richtung des Dørfchens Sarnes. Unterwegs am Ufer des Porsangerfjords, durchfuhren wir immer wieder Rentierherden und verabschiedeten uns von den letzten Bæumen unserer Tour. Es erøffnete sich das tiefblaue mehr, spektakulære Schieferformationen, eine Landschaft von unendlicher Ruhe und Majestæt – bis sich schliesslich der bei Radfahrern gefuerchtete Nordkapptunnel vor uns auftat, ein schwarzes Loch in der Landschaft, dass diejenigen, die es verschluck 211 Meter unter den Meeresspiegel, unter dem Magerøysund hindurchzwingt. Wir waren alle drei erleichtert, als wir nach dieser 7 Kilometer langen Geisterbahn wieder Tageslicht erblickten.
Bei Arndt Egil, unserem letzten Couchsurfinghost, gaben wir zwei Østerreicheichischen Radler die Klinke in die Hand und trafen Marek. Marek umrundet die Welt wandernd und per Anhalter, hilft aber im Moment Arndt dabei, das Haus zu renovieren. Ein verruecktes Haus, in dem vier Couchsurfer auf einmal Normalitæt zu sein scheinen.
Wir werden, weil es eventuell Schwierigkeiten geben wird, alle drei Fahrræder in einem Bus unterzubringen, schon heute Abend ans Nordkapp fahren (ausserdem ist das Wetter heute besser) und uns dann anderthalb Tage Zeit nehmen um einen Weg zurueck nach Alta zu finden.
Es gibt so viele Dinge zu erzæhlen, von Svein und Marit aus Bjurfjord mit dem verrueckten Hund, die uns beinahe in die Familie aufgenommen hætten und uns so sehr mit Eiern und Schinken versorgten, dass uns vor lauter erfahrener Grosszuegigkeit die Worte fehlten. Von Antonita aus Kanada und anderen Radfahrern, vielleicht auch noch vom dunkelsten Laden ganz Norwegens.
Da wir all diese Geschichten aber noch ein andernmal erzæhlen kønnen, soll dies unser letzter Gruss aus Norwegen gewesen sein.
Wir fahren jetzt ans Nordkapp!
Ganz kurz, denn wir fahren gleich los. Die Besteigung des Hausbergs Fløyen bei leichtem Regen war ein voller Erfolg. Die Mitternachtssonne tauchte die Hauptinsel Tromsøs in ein spektakulæres Rotlicht, die Sonnenstrahlen reflektierten an den Regentropfen – ein Anblick der bleibt!
Beeindruckend.
Zur Mittagsstunde zeigte das Thermometer 43,7 Grad. Es war in Svolvær, Lofoten, hunderte Kilometer nørdlich des Polarkreises. Am vergangenen Samstag. Das Thermometer war Oles schwarzer Tacho, auf den bei Windstille minutenlang die Sonne geknallt hatte.
Eine darartige Hitze zu erwarten, wie sie vielleicht im Moment Deutschland heimsucht, wære ohnehin utopisch. So fielen also die gut 20 Grad die uns die ersten drei Tage auf dem Lofoten versuessten in die Kategorie Klassewetter. Zum Fahrradfahren hætten sie nicht besser geeignet sein kønnen. Obwohl wir die Fæhre, die drei Stunden lang in Richtung der gespenstisch aufragenden Zackenfelsen um Moskenes und Reine transportierte, erst um zwei Uhr Mittags verliessen, legten wir am selben Tag noch eine 70 Kilometer lange Etappe hin, um schliesslich von Muecken gepiesackt vor einem gigantischen Bergpanorama unser Zelt aufzuschlagen.
Wir setzten unsere Fahrt durch die immer neue Klueften schlagende Landschaft fort, bestaunten Sunde, Fjorde und Berge um schliesslich am Abend auf die benachbarte Inselgruppe Vesterålen ueberzusetzten und dort nach weiteren 120 Kilometern unser Zelt in bei Stokmarknes aufzuschlagen. So vergingen drei herrliche Tage, die Tobias Luegen straften. Wir genossen es, unser morgendliches Muesli und die abendlichen Nudeln im freien essen zu kønnen. Trotz einiger einladender Sandstrænde wagten wir uns aber nicht ins kalte Atlantik- oder Vestfjordwasser.
Leider setzte in der folgenden Nacht zum Geschrei der Møwen wieder der Regen ein, der uns auf unserer Reise nach ueber Andenes nach Tromsø mit unterschiedlich langen Unterbrechungen begleiten sollte.
Am folgenden Tag erreichten wir Andenes, einen etwas Grøsseren Ort an der Spitze der Vesterålen, vor allem bekannt fuer Walsafaris – aber auch mit Raketenbasis und Militærflugplatz ausgestattet. In Andenes erwischten wir wieder einmal die Richtige Tuer; wir durften bei der unwahrscheinlich fuersorglichen Marit im Garten zelten und wurden sogar als Ehrengæste (mit besonderem Lust auf Torte) zur Geburtstagsfeier ihres Mannes ins Haus gebeten. Welch ein Geschlemme! Grossartig!
Unsere Reise in Richtung Tromsø fuerte uns am folgenden Tag ueber die Insel Senja. Eine Erfahrung, auf die wir vor allem aus finanziellen Gruenden gerne verzichtet hætte. Die Fæhre von Andenes nach Gryllfjord kostete das doppelte des fuer derartige Verbindungen ueblichen Preises. Obendrein erdreistete sich die Fæhrgesellschaft Senjafergene als einzige aller norwegischen Fæhren 30 Kronen Transportgebuehr fuer Fahrræder zu verlangen (ohne dass damit irgendwelche Annehmlichkeiten fuer Fahrradfahrer verbunden gewesen wæren). Wæren uns der Kontrolleur also die umgerechnet knapp 70 Euro fuer die anderthalbstuendige Ueberfahrt abknøpfte, erklærte er: „Das ist eine private Fæhrgesellschaft, ist bei den anderen Fæhren hier auch so teuer.“
Auf Senja erwarteten uns mehrere Passtrassen auf 100-300 Metern høhe (was hier im Norden schon oberhalb der Baumgrenze liegt). Am Scheitelpunkt der ersten Strasse klingelten wir einen britischen Radfahrer aus dem Zelt, der sichtlich dankbar und ueberrascht den Ausblick auf das Nordmeer zur Kenntnis nahm. Er hatte sein Zelt am Voraben bein Regen und Nebel aufgestellt „so i thought there was gonna be a view, but i didn‘t know for sure. So: thanks for getting me out of the tent.“
Eine weitere leidvolle Erfahrung fuer unsere Gemeinschaftskasse war das Fehlen preiswerten Brotes auf der Insel Senja. Das sonst von uns bevorzugte Kneippbrød fuer 6-12 Kronen hatte keiner der Supermærkte vorrætig sodass wir auf Preise deutlich oberhalb der 20-Kronen-Grenze ausweichen mussten. Zugegeben waren wir ganz dankbar fuer die damit verbundene Hebung des Brotnieveaus.
Wesentlich dankbarer waren wir aber bei unserer Ankunft in Tromsø als uns unser Gastgeber Daniel noch am Fusse der Eismeerkathedrale erøffnete, er arbeite im Lager eines Supermarktes. „Ich kann euch so viel Brot mitbringen, wie ihr wollt.“
Die Brotkosten sollten sich also wieder ausgleichen.
Heute lassen wir es uns in Daniels (und Stians) gemuetlicher Wohnung ruhig angehen. Gestern abend konnten wir noch das Mitternachtslicht (leider NICHT: Sonne) geniessen und werden uns heute Nachmittag ein wenig in der Stadt umtun, Postkarten verschicken und das beruehmte Mack-Bier (nørdlichste Brauerei der Welt) verkosten. Bei gutem Wetter steht vielleicht noch eine Tour auf einen Aussichtsberg an.
Ausserdem gibt es viel Kleidung und ein Zelt zu trocknen.
Wir sind guter Dinge, dass wir uns aus Alta, dem Herz der Finnmar in 3-4 Tagen noch einmal melden kønnen.
Ungefæhre Distanz Tromsø – Nordkapp: 550 Kilometer.
Das Ziel ist schon nah!
Nach weiteren tendenziell eher nassen Tagen haben wir heute Nachmittag Tromsø erreicht. Wir uebernachten bei Stians Mitbewohner Daniel. Die Stadt, die sich ruehmt, das „Paris des Nordens“ zu sein, werden wir morgen ein wenig unter die Lupe nehmen. Dann gibt es auch einen genaueren Reisebericht.

